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Wie viel Bio ist denn in „Bio“ überhaupt drin?

Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D

Die „Knospe“ von Bio Suisse, dem Dachverband der Schweizer Biobauern, ist ein Vertrauen einflössendes Label, und es hat dieses Überzeugtsein von der Zuverlässigkeit bisher praktisch immer gerechtfertigt. Es gibt in der Schweiz rund 6500 und im Fürstentum Liechtenstein 40 ehrenwerte Biobauern, die sich wirklich zur Natur hingezogen fühlen und aus tiefer Überzeugung auf den Einsatz von Chemiegiften verzichten, weil diese das ökologische Gefüge in Unordnung bringen und den Konsumenten schaden. Bereits 11,2 % der Landwirtschaftsfläche wird nach den Richtlinien von Bio Suisse bewirtschaftet – die Schweiz ist zu einem stolzen Biopionierland geworden. Und mehr und mehr sieht man wieder Nutztiere auf den Feldern. Die Nachfrage nach Bioprodukten übersteigt oft die Möglichkeiten der einheimischen Produktion, was wiederum für die Qualität der Konsumenten spricht. Sie wollen beste, schmackhafte, gesunde Produkte und sind bereit, dafür einen bescheidenen Mehrpreis in Kauf zu nehmen.

Bio-Küchenkräuter, die keine waren
Nun ist dieses Vertrauen aber durch die SF DRS-Sendung „Kassensturz“ vom 28. Juni 2005 erschüttert worden: Eine Stichprobe, welche die Redaktion der konsumkritischen Sendung zusammen mit „A Bon Entendeur“ (Westschweizer Variante des „Kassensturzes“) veranlasst hatte, ergab ein erschreckendes Resultat: 5 von 6 Biokräutern aus der Westschweiz waren mit Pestiziden belastet, und gegen einen Bio-Lieferanten hat Bio Suisse dann ein Aberkennungsverfahren eingeleitet.

Nach den Analysen des Genfer Kantonslabors enthielt zum Beispiel die gehackte Bio-Petersilie von Coop geringe Mengen Dimethomorph und Carbaryl. Ein als „Bio Suisse“ etikettiertes Basilikum enthielt das Pilzbekämpfungsmittel (Fungizid) Metalaxyl. Und 2 Coop-Proben von brasilianischem Thymian, diesmal aus konventionellem Anbau, enthielten 2 Gifte in gewaltigen Mengen: 300-mal mehr Acetamiprid und Thiacloprid als erlaubt. Thymian und Bio-Basilikum kamen von der Genfer Firma Pitschfruits. Philippe Vendeuil von Pitschfruit erklärte, er habe das Basilikum aus einer Bio-Gärtnerei in Italien importiert. Die Italiener hätten gesagt, sie könnten ohne den Einsatz von Metalaxyl im Frühling keinen Basilikum ziehen. Im Klartext: Der Genfer Betrieb hat aus gespritztem Basilikum einen Bio-Suisse-Basilikum gemacht. Kurz vorher war bekannt geworden, dass die Getreidemühle Dambach im aargauischen Villmergen konventionellen Hafer als Bio-Hafer in Umlauf gebracht hatte. Bio-Kontrollfirma Bio Inspecta in Frick hatte nichts bemerkt.

Es ist tragisch, dass wegen solcher Ausrutscher die ganze angesehene Biobranche in Verruf geriet, die immerhin ein wertvolles Gegengewicht zur Desagrarisierung, der Abschaffung der kleinen und mittleren Bauern in der Schweiz, leisten.

Liberalisierung vergrössert die Schlupflöcher
Zunehmende Schwierigkeiten bereiten der Biobranche die Liberalisierungsbestrebungen durch das Welthandelsabkommen der WTO (Welthandelsorganisation); die Folgen machen sich nicht allein im wirtschaftlichen Bereich bemerkbar. Einschränkungen werden beseitigt, alles wird möglich. Die immer weiträumigere Öffnung der Handelsbeziehungen mit den sich verwischenden Verantwortlichkeiten widerspricht den Bestrebungen nach einer konsumentennahen Landwirtschaft wie dem überblickbaren Verkauf ab Hof als Idealfall. Die Zwischenhändler sind die hauptsächlichen Nutzniesser dieser Entwicklung, die alles dem Billigpreisdiktat unterwirft, diesem Markenzeichen der neoliberalen Globalisierung. Zudem werden dadurch auch immer längere Transportwege nötig, worunter nicht nur die Umwelt, sondern insbesondere auch die Schlachttiere schwer zu leiden haben. An die Stelle der ehemaligen Dorfmetzgereien traten industriell betriebene Grossschlachthöfe, zu denen oft stunden-, ja tagelange Fahrten nötig sind.

Das Umherschieben pflanzlicher und tierischer Produkte über grosse Strecken im Inland und zunehmend auch über Landesgrenzen hinweg (wie der Bezug von vergiftetem Basilikum aus Italien) und die Vermischung von aus- und inländischen Produkten und Produktionsschritten erschweren die Kontrolle, und die Vergrösserung von Schlupflöchern gibt Betrügern Auftrieb, weil ihr Risiko, entdeckt zu werden, vermindert ist.

Bio-Kontrollen verbessern
Diese bedauerliche Entwicklung hat in ersten Ansätzen nun offensichtlich auch die Biobranche erfasst. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Konsumenten enttäuscht von Bioprodukten abwenden sollten, sondern die Kontrollinstanzen sind aufgerufen, aus dieser Entwicklung Lehren zu ziehen und die Redensart „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ zu befolgen: Es genügt nicht, einfach die Tagebücher der Biobauern durchzulesen; denn darin werden wohl kaum allfällige Widerhandlungen gegen Vorschriften minuziös protokolliert. Es wird vielmehr vermehrt nötig sein, die Produkte analytisch gründlich zu untersuchen. Das hat natürlich den Nachteil wesentlich höherer Kosten.

Die Knospe muss weiterhin ein Qualitätslabel bleiben und für beste innere Qualität bürgen. Der Zusatz „Suisse“ zum BIO bedeutet, dass über 90 % der Rohstoffe aus der Schweiz stammen, fehlt der Zusatz, sind mehr als 10 % aus dem Ausland. Wer Wert auf ein geschmacklich hochwertiges Landwirtschaftsprodukt legt, kommt um Bioprodukte nicht herum. Im Biolandbau ist der Einsatz von chemisch-synthetischen Spritzmitteln und Düngern verboten, die einzig richtige, konsequente Haltung. Eine positive Entwicklung in dieser Richtung ist heute auch bei IP Suisse (Integrierte Produktion) festzustellen. Beide Vereinigungen wehren sich konsequent gegen das weltweite Überhandnehmen von Gentech-Pflanzen.

Voraussetzungen für höchsten Genuss
Das lustvolle, gesunde Essen ist nur auf der Grundlage erstklassiger, giftfreier Lebensmittel möglich. Und deshalb ist kein Aufwand zu gross, solche zu fördern, zu erzeugen und bereitzustellen. Der gesundheitsbewusste Geniesser hat keine andere Wahl, als sich auf gesunden Böden langsam und ohne Chemikalieneinsatz herangewachsenen Produkten, die ausgezeichnet werden und ausgezeichnet sind, zuzuwenden. Wenn sie aus seinem einigermassen überblickbaren Lebensraum stammen, dann erhöht das seine guten Gefühle zusätzlich.

Quellen
Internetseite www.bio-suisse.ch/de
Schweizerischer Bauernverband: „WTO: 30 000 Unterschriften für eine konsumentennahe Produktion“, 23. Juni 2005.
Hess, Walter: „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com GmbH, 5023 Biberstein 2005.

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