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BLOG vom 13.03.2015


Sir Terrys Irrfahrt: Absturz auf den Boden der Realität
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
 
Er trug eine Hose mit messerscharf gebügelten Falten. Seine Gesichtsfalten waren tief in die Haut eingekerbt. Den Krawattenknopf trug er eng geknotet. Er begann den Tag immer glattrasiert. So trat Terry eindrücklich in Erscheinung – ein Mann von Autorität –, und er zwang Achtung ab. Er ging mit straffem Rücken kerzengerade.
 
Terrys Tagesablauf war pünktlich von der Uhr bestimmt. Seine Angestellten mieden ihn, so gut sie konnten.
 
Es kam der Tag, völlig unerwartet, an dem er, aus dem Trott gerissen, seine Haltung verlor. Sein Chauffeur hielt ihm die Autotüre offen, als er in den Bentley stieg. Statt bei der nächsten Ampel links abzubiegen, fuhr er geradeaus weiter. „Was ist mit Ihnen los?” fauchte ihn Terry an. „Die Strasse ist wegen eines Unfalls gesperrt”, antwortete der Chauffeur.
 
Der in Terry aufgestaute Ärger platzte, als der Chauffeur in die M25-Autobahn abbog. „Sofort umkehren!” gebot er. „Ich muss auftanken”, entgegnete der Chauffeur, „sonst bleiben wir auf der Strecke stecken.” Es waren noch 10 Meilen bis zur nächsten Tankstelle. Der Chauffeur knipste das Radio an.
 
„Ausschalten!” brüllte Terry. Stattdessen drehte der Chauffeur die Lautstärke auf. Damit wurde Terrys Stimme übertönt.
 
Der Chauffeur bog zur Tankstelle ab. Krebsrot entsprang Terry dem Auto und lockerte aufgeplustert seinen Krawattenknopf. Der Chauffeur entschwand mit dem Autoschlüssel in die Gaststätte neben der Tankstelle und bestellte sein Frühstück, indessen Terry allein auf dem Vorplatz, der Bise ausgesetzt, fuchsteufelswild auf und ab schritt.
 
Inzwischen versicherte der Chauffeur übers Handy Terrys Sekretärin, dass alles vorderhand nach Plan klappte. Die ganze Belegschaft der Firma jubelte. Es dauerte ein geraumes Weilchen, bis Terry den Chauffeur in der Cafeteria entdeckte. Terrys Veitstanz im Lokal erweckte Aufsehen. „Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?” wandte sich der Chauffeur an ihn. Terry war sprachlos. „Ich gehe jetzt auftanken”, sagte der Fahrer noch und bezahlte an der Kasse seine Rechnung. Er sprang ins Auto und fuhr ohne seinen Fahrgast weiter. Eine gute Stunde später konnte er der Sekretärin mitteilen, dass der Bentley abgeliefert und der Leasingvertrag aufgelöst sei.
 
Terry trug weder Kleingeld noch Kreditkarten auf sich. Er gab sich prinzipiell nicht mit solchen Kleinigkeiten ab. Seine Frau besorgte das Haushaltsbudget; seine Sekretärin die einschlägigen Ausgaben, gegen Quittungen, aus der Geschäftskasse. Für grössere Ausgaben war der Buchhalter zuständig, und diese bedingten allesamt Terrys Unterschrift.
 
Steinhart verweigerte ihm der Inder an der Kasse der Tankstelle den Vorschuss für einen Telefonanruf an die lokale Taxizentrale. Der Despot war momentan entmachtet. Erst im Verlauf des Nachmittags gewann er eine Freifahrt Richtung London.
 
Auf Umwegen erreichte er zuletzt frühabends seinen Wohnort in Sutton. Seine Frau war nicht zuhause, und ihm fehlte der Hausschlüssel. Sir Terry war hilflos aufgeschmissen, wie noch nie in seinem Leben. In einem nahen Hotel wurde er erkannt und konnte ein Zimmer beziehen. Um diese Zeit war sein Geschäft geschlossen. Er telefonierte mit Nachbarn. Niemand wusste, wo seine Frau war. An diesem Tag hatte sich die Welt gegen ihn verschworen! Er, der die Leute so schäbig behandelte, musste an diesem Tag dafür büssen.
 
Wie es ihm in der Folge erging, sprengt den Rahmen dieser Geschichte. Nur so viel sei verraten: Seine Schiebergeschäfte flogen auf, und er musste tief verschuldet den Konkurs seiner Firma anmelden. Niemand stand ihm bei. Am Allerletzten der Chauffeur, dessen Vater er schandbar betrogen hatte. Auch seine Frau hatte sich von ihm geschieden. Was sich nicht alles hinter der Fassade eines Menschen verstecken lässt...
 
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
 
 
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