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BLOG vom 15.03.2018


Essays „Nach der Natur“ (2): Luft

Autor: Wernfried Hübschmann, Schriftsteller, Hausen i. Wiesental (D)


In den nächsten Wochen veröffentlicht der Schriftsteller Wernfried Hübschmann unter dem Titel „Nach der Natur“ vier literarische Essays zu den vier Elementen. Den Anfang machte der Essay WASSER. Heute fahren wir fort mit dem poetischen Essay LUFT.

Essay LUFT
Während einer Bahnfahrt in die österreichischen Berge, wo ich, dreizehn oder vierzehn Jahre alt, zwei Augustwochen lang an einem Jugendlager teilnehmen sollte, war ich, das steigt mir nun als eine luftverschlossene Blase aus einem tiefen, zerbrochenen Glas ins Bewusstsein, einmal gänzlich dem Wind ausgesetzt, seiner atemraubenden Kraft, seiner herrischen, schneidenden und schnaubenden Gewalt.

Damals gab es noch jene einfachen Fenster in den Zügen, die leicht zu öffnen waren mittels zweier Griffe, links und rechts angebracht wie bei einem Sportgerät. Ich war, von München kommend, wohl schon jenseits der Grenze zum Nachbarland, allein im muffigen Abteil, eine klaustrophobe, seltsam intime Situation mit mir selbst, der Welt abhanden gekommen, fahrend, fliehend und auf einer Freiheitsspur, deren Ende ganz unabsehbar schien. Es war üblich, auf den Haltebahnhöfen diese Fenster zu öffnen, aber gerade dort kam nur Dampf und Gestank herein, es roch nach Schmieröl, Bremsabrieb, Metall – und den Zigaretten der 70er-Jahre.  Auf den Bahnsteigen wurde damals noch geraucht, und in den Zügen gab es Abteile für Raucher.

Doch nun, da der Zug sich wieder schnaufend in Bewegung gesetzt und schon Fahrt aufgenommen hatte, wollte ich die ganze Freiheit auskosten. Niemand war da, der sich hätte gestört fühlen können. Ich schob also die hässlich-dunkelroten und in Falten verschossenen Vorhänge ganz beiseite, zog das Fenster langsam herunter, das Glas war leicht verschmiert und an manchen Stellen fast blind, dann stieg ich auf den niedrigen Heizungsschacht am Boden, steckte den Kopf durch die Öffnung und setzte mich dem Fahrtwind aus. Ich weiss nicht, wie es sich anfühlt, stehend auf den Tragflächen einer zweimotorigen Cessna zu balancieren, nur durch Helm, Brille und Lederkluft geschützt und mit starken Halteseilen fixiert; man sieht solche Szenen in alten Filmen oder in Science-Fiction-Produktionen. Doch nun, mit einfachsten Mitteln, zu fliegen, fast zu fliegen, fast hinausgezogen zu werden vom starken Sog, das war ein Rausch, ein scheinbar billiges und zugleich kindliches Vergnügen.

Ich schloss meine Augen, ganz dem Druck, dem Stoss hingegeben, in einer Luft, die, bei sommerlichen Temperaturen, dennoch kühl, ja schneidend kalt war. Und auf einmal ein Schlag, den ich mit geschlossenen Augen und in meiner Trance nicht vorhersehen konnte. Ein Schlag, ein Schock, ein heftiger Luftknall gegen den Kopf und dann die blitzhafte Erkenntnis, etwas wirklich Gefährliches überlebt zu haben, und das Überlebthaben, also der Moment danach, der Adrenalin-Kick, das ist, so begriff ich später, der Antrieb für die Extremsportler, Bungee-Jumper und alle Börsenmakler dieser Welt.

Ich war einfach überrumpelt worden. Der Zug war in einen der zahlreichen Tunnel eingefahren auf seinem Weg nach Salzburg. Ich hatte es im rhythmischen Rattern und bei geschlossenen Augen nicht bemerkt. Und für einen Moment schien alles aus, und mit der irren Verzögerung einer Millisekunde kommt nach dem Schock das Leben zurück, nachdem es beschlossen hat, nicht zu Ende zu sein.

Ruckartig zog ich den Kopf zurück in den Innenraum, wie schuldig für etwas schaute ich Richtung Tür. Ich atmete schwer und setzte mich. Der Zug donnerte durch den Tunnel, das Fenster war immer noch offen. Ich stand auf und schloss es. Doch nachdem der Zug den Tunnel wieder verlassen hatte, wie nach überstandener Krankheit, hatte ich mich ein wenig gefasst und war von neuem bereit, mich dem, wie mir jetzt schien, kontrollierbaren Risiko auszusetzen, besser mit offenen Augen, sollten sie doch tränen und brennen. Meine Beobachtungen und Berechnungen führten zu dem Ergebnis, dass irgendwelche Pfosten, Lampen oder die Innenwände des Tunnels unmöglich bis auf zwanzig oder dreissig Zentimeter an den Zug selbst heranreichen konnten. Ob diese Annahme richtig oder falsch war, kann ich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Jedenfalls war ich im Weiteren etwas vorsichtiger und genoss umso mehr die bewusste Wiederholung der Mutprobe, um die es sich zweifelsfrei handelte. Doch auch diesem ersten Mal wohnte ein nicht wiederholbarer Zauber inne. Es kamen noch einige Tunnel bis Salzburg und wieder neue Fahrgäste, die meine Versuchsanordnung zunichte machten. Und seitdem andere Tunnel und andere Krisen, reale und eingebildete Gefahren und Momente, die mir den Atem nahmen und sich mir auf die Brust legten und manchmal noch dort übernachten.

Aber zu spüren, wie der harte Fahrtwind den Atem nimmt, und wenn dann, gegen alle Wahrscheinlichkeit, der Einatmungsreflex, die Inspiration, wieder stark genug ist, um neue Luft und Erleichterung herbeizuschaffen, diesen Moment vergessen Mund und Lunge nicht, und ich habe ihn im Körpergedächtnis abgelegt, diese Luftgeburt, die mich vorbereitet hat für die Sehnsucht nach der Vielfalt von Wolkenformationen und der beglückenden Einfalt des Himmels.

www.wernfried-huebschmann.de

 


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